FASHION OHNE VICTIMS

Ein Guide für nachhaltigen Modekonsum


Die Modeindustrie kennt viele Opfer. Vom klassischen Fashion Victim, das sich 20 Teile auf Zalando bestellt, um dann die Hälfte wieder zurück zu schicken bis zu den Bauern und Arbeiterinnen, die im Rohstoffanbau genauso wie in der  Fertigung unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Der Modekonsum schafft weltweit Jobs und Wirtschaftswachstum in Entwicklungsländern, hinterlässt dort aber auch den Großteil an ökologischen und sozialen Kosten. Das größte Opfer ist aber unser Planet, der nicht imstande ist, uns Hilferufe in den Pflegeetiketten der Kleidung von Textil-Discountern zu verstecken. Die Modeindustrie verursacht, als drittgrößte Branche weltweit, in einem Jahr über eine Milliarde Tonnen CO2. Das ist mehr als alle jährlichen internationalen Flüge und Schifffahrten zusammen. Neben dem CO2-Ausstoß werden aber auch die Meere samt ihrer Bewohnerinnen durch Mikroplastik aus Textilfasern und giftige Chemikalien verseucht.

 

Status Quo: Wir kaufen’s trotzdem

Greenpeace hat 2015 einen Blick in die Kleiderkästen Deutschlands geworfen und kam zu dem Ergebnis, dass Personen im Alter von 18-65 Jahren im Schnitt 60 Kleidungsstücke pro Jahr kaufen. Alle sechs Tage ein neues. Da sich unsere Körper von dem eines Oktopus doch merklich unterscheiden, realisieren wir bald, dass wir eigentlich nicht so viel Kleidung brauchen. Die Konsequenz: Jede zweite Person tauscht neuwertige Schuhe, Oberteile und Hosen nach weniger als einem Jahr wieder aus.2 Länger hält unser Modegeschmack auch gar nicht mehr an. Aber erfinden wir uns wirklich jährlich neu oder sollten wir uns nicht besser  fragen, ob Mode süchtig machen kann? Jede/r kennt den neurologischen Kick beim Kaufen eines neuen Kleidungsstücks. Einkaufen macht glücklich, zumindest kurzfristig. Es regt das Belohnungszentrum im Gehirn an, ganz ähnlich wie Sex oder Drogen. Die Shoppingqueens klagen jedoch zunehmen über mentale Erschöpfung. Denn die Anhäufung von immer mehr Kleidung überfordert und macht müde.

 

Die Sehnsucht aus dem Kleiderschrank 

Mode macht Spaß und ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit, ein Spiel mit der Identität. Kleidung macht es möglich, die eigene Unverwechselbarkeit nach außen zu tragen. Unseren Stil und unsere Kreativität legen wir dabei unbewusst in die Hände von großen Modeketten, die in immer kürzeren Abständen neue Trends produzieren. Während H&M bis zu 12 Kollektionen pro Jahr anbietet, bringt die zu Inditex gehörende Marke Zara aktuell sogar bis zu 24 Kollektionen pro Jahr in die Läden. Kopien von Designermode werden in Massen gekauft und wieder entsorgt. So verkommt die Mode zum Einweg-Artikel und erzieht ihre KonsumentInnen zu Wegwerf-Persönlichkeiten, die jede Saison etwas neues tragen. 

 

Die Trends von heute sind der Müll von morgen

Was passiert also mit der Folklore-Bluse, die um 15 Euro online erstanden und einmal ausgeführt wird, nachdem man ernüchtert feststellt, dass sie am eigenen Körper doch nicht so aussieht wie an Chiara Ferragini? Bestünde die Folklore-Bluse aus hochwertigen Materialien, würde sie es vielleicht in einen Second Hand Shop schaffen. Tatsächlich landen aber 80% der Kleidung sofort im Restmüll - nur 20% der Kleidung schaffen es in eine Altkleider-Sammelbox. Die 80% aus dem Restmüll sorgen dafür, dass jede Sekunde ein Müllwagen vollgepackt mit Kleidung irgendwo auf der Welt deponiert oder verbrannt wird. 

 

Fashion Apokalypse - Oder wo das Must-Have eigentlich beginnt, zu Müll zu werden

Mode ist heute nicht nur für KonsumentInnen zum Wegwerfprodukt geworden, sondern auch für viele ProduzentInnen und HändlerInnen. Bis die Ware im Geschäft ankommt, ist bereits ein Viertel bis die Hälfte der Stoffe als Verschnitt und Produktionsabfall im Müll gelandet4. Das Kernproblem der Modeindustrie ist die Überproduktion. Es muss also grundsätzlich weniger Stoff produziert werden und effizienter damit umgegangen werden. Das machen sich viele Newcomer-Labels - wie auch wir - zunutze und verwenden neben nachhaltigen, umweltschonenden Stoffen ausschließlich Dead Stock, also durch Überproduktion entstandenes Material. Auf diese Weise landet brachliegende Ware nicht auf der Müllhalde und es muss insgesamt weniger Stoff nachproduziert werden. Denn auch was die Neuproduktion angeht, stößt der Planet langsam an seine Grenzen: Jedes Jahr werden 108 Millionen Tonnen nicht erneuerbarer Rohstoffe für die Textilproduktion eingesetzt5 - das sind Rohstoffe, bei denen die Geschwindigkeit ihres Verbrauchs die Geschwindigkeit ihrer Regeneration übersteigt. Wir steuern also geradewegs auf eine völlige Erschöpfung unserer natürlichen Ressourcen zu. Dennoch wurden 2014 wurden über 100 Milliarden Kleidungsstücke neu produziert.

Davon enthalten 60 Prozent Polyester3 - ein synthetischer Kunststoff, der aus nicht erneuerbarem Erdöl hergestellt wird. „Das große Problem bei Polyesterkleidung ist, dass diese Fasern im Grunde reines Mikroplastik sind“, sagt Nunu Kaller, Konsumentensprecherin von Greenpeace Österreich. Die kleinen Partikel sind mit freiem Auge nicht sichtbar und gelangen über das Abwasser in Flüsse und Meere, wo Fische und andere Tiere daran zugrunde gehen. Pro Kilo Wäsche landen im Durchschnitt 68 Milligramm Mikroplastik im Wasser. Allein in Österreich waschen wir so 126 Tonnen Plastik-Partikel pro Jahr ins Abwasser. 6

 

Zeit für ein neues Modebewusstsein

Eine nachhaltige Textilbranche muss das Tempo reduzieren und den Kreislauf schließen. Um den Kreislaufgedanken in der Realität umsetzen zu können, müssen Qualität und Design auf eine längere Lebensdauer als eine Saison ausgerichtet werden. Fakt ist jedoch, dass der Trend derzeit in die entgegengesetzte Richtung geht: Wir konsumieren heute doppelt so viel Kleidung wie noch vor 15 Jahren - und tragen sie nur noch halb so lange2. Schon eine Tragedauer von zwei Jahren statt einem würde die CO2-Emissionen um 24 Prozent reduzieren. 2

 

Vor allen Dingen sind es reflektierte Kaufentscheidungen, die den ökologischen Fußabdruck wesentlich verringern können. Die englische Designerin Vivienne Westwood bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Buy less, choose well, make it last.“ Vor dem nächsten Impulskauf lohnt es sich also, zu fragen:

 

  • Brauche ich das wirklich?
  • Die Antwort ist in vielen Fällen Nein. Laut einer Studie von Greenpeace besitzt jede erwachsene Person im Durchschnitt 95 Kleidungsstücke (ohne Unterwäsche und Socken). Weniger als 20 davon sind regelmäßig in Verwendung.3 Und viele Teile werden weniger als zehn mal getragen, bevor sie wieder weggeworfen werden.

     

    Sebastian vom Glein Shop im 7. Bezirk in Wien sagt dazu: “Im besten Fall kaufen wir nur Dinge, die wir wirklich gern haben, lange verwenden wollen und können.” Er selbst arbeitet in der Produktion ausschließlich mit Materialien aus nachhaltiger Erzeugung, die möglichst gut für das Produkt, die NutzerInnen und die Umwelt sind. Aber nicht nur bei der Herstellung achtet man bei Glein auf eine lange Lebensdauer - beim Verkauf gibt es außerdem ausführliche Informationen zur richtigen Pflege. Und sollte doch einmal eine Reparatur notwendig werden, kann man sich jederzeit an den Shop wenden.

     

  • Muss es neu sein?
  • Wer Vintage kauft, schont die Umwelt. Besonders bei Oberbekleidung bietet sich Second Hand als Alternative zum Neukauf an. Gebrauchte Kleidung war außerdem noch nie hipper als heute. Umweltengagement ist endlich tragbar geworden. Und das auch finanziell. Am Angebot mangelt es ebenfalls nicht. Es gibt wenige Ausnahmen, in denen wir als Gründerinnen von MIYAGI selbst noch neue Teile kaufen - Unterwäsche ist eine davon. Second Hand-Shops und Flohmärkte sind gute Möglichkeiten, um das, was schon vorhanden ist, wiederzuverwenden. Wer auf Gebrauchtes zurückgreift, kann den eigenen CO2-Fußabdruck um ganze 82 Prozent reduzieren.2 Aber Second Hand zu kaufen ist nicht nur ein Segen für die Umwelt, sondern auch für den persönlichen Stil.

    „Keine Art, einzukaufen, inspiriert die eigene Kreativität so sehr wie Second Hand“, sagt Clarissa vom Grazer Vintage-Shop Dogdays of Summer. „Und keine schafft mehr Freiraum, um sich selbst zu erfinden.“ Bei Second Hand und Vintage Mode geht es um Ausdruck und Individualität. Nicht um Modetrends, Geschlechterklischees und Konfektionsgrößen. Wenn man aus einem Angebot an Einzelstücken wählt, spielen die Kategorien Mann/Frau und S/M/L nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger sind die Fragen: Gefällt mir das? Passt es zu mir? Fühle ich mich wohl darin? Damit erfüllt Second Hand Mode einen Zweck, der weit über die schiere Bekleidung hinausgeht und gesellschaftliche Rollenbilder aufbricht.

     

  • Wo kaufe ich ein?
    Bei Bodywear oder wenn es doch einmal ein neues Teil sein soll, kommt es auf bewusste Kaufentscheidungen an: Was suche ich genau? Welche Hersteller kommen dafür in Frage? Wer davon hält ökologische und soziale Standards hoch? Siegel und Zertifizierungen können gute Anhaltspunkte sein, Werbebotschaften sind es meist nicht. Alle großen Modemacher versuchen heute, mit Greenwashing ihre Schmutzwäsche zu waschen. Selbst Primark hat einen Ethik-Kodex auf der Website.
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  • Wie pflege ich was ich habe?
    Wäsche waschen ist per se keine Wohltat für die Umwelt. Sie nicht zu waschen ebenfalls nicht. Zwischen stinken und umweltsündigen liegt allerdings ein breites Spektrum an ressourcenschonenden Möglichkeiten. Ein paar Waschtipps für UmweltliebhaberInnen:
  • Waschmaschine voll machen
    Jeder Waschgang, den du einsparen kannst, ist ein Gewinn.

  • Mit 30°C bzw. 40°C statt 60°C waschen
    Niedrige Waschtemperaturen schonen nicht nur deine Wäsche, sondern auch die Umwelt, da dabei weniger Energie verbraucht wird.

  • Ökologische Waschmittel verwenden
    Viele Inhaltsstoffe in modernen Waschmitteln können selbst nach Aufbereitung des Abwassers im Klärwerk nicht abgebaut werden. Öko-Waschmittel machen die Wäsche genauso sauber und dazu noch ein reines Gewissen.
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    Gutes währt lange

    Grundsätzlich gilt: Je länger wir etwas tragen, desto besser fällt unsere Öko-Bilanz aus. Das setzt aber selbstverständlich auch voraus, dass wir im ersten Schritt Kleidung mit einer entsprechenden Langlebigkeit kaufen. Wenn Qualität und Design nur auf die Lebensdauer von einer Saison ausgerichtet werden, wird das zu einer Herausforderung, an der nicht nur die Umweltbemühungen der KonsumentInnen scheitern. Auch der Kreislaufgedanke lässt sich so nicht umsetzen. Denn die meisten Kleidungsstücke, die heute produziert werden, bestehen aus wenig hochwertigem Mischgewebe, das weder besonders langlebig ist, noch sauber recycelt werden kann. Derartige Fasern können zwar in manchen Fällen noch einmal wiederverwendet werden, allerdings nicht mehr als Kleidung, sondern als beispielsweise als Putzfetzen. Und so wird aus dem Recyclingprodukt erst wieder Abfall. Der Traum vom ewigen Kreislauf, der von vielen Textilkonzernen propagiert wird, platzt damit.

     

    Nachhaltige Mode ist ein komplexes Thema. Jürgen Janssen vom Bündnis für nachhaltige Textilien sagt: “Es gibt keine schnelle Antwort auf die Frage, wie man möglichst 'gut' einkauft – das soll aber nicht heißen, dass man sich keine Gedanken machen soll. Sinnvollere Alternativen gibt es heute überall.“ Moderne Labels wie Dogdays of Summer, Glein, Margaret and Hermione und wir versuchen, genau solche Alternativen zu bieten. Hochwertige Qualität statt billigem Ramsch. Liebhaberstücke statt Wegwerfmode. Zeitlose Ästhetik statt morgen-schon-wieder-lame. Die Entscheidung triffst am Ende du.

     

     

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